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Sollen die 2 Wochen Vaterschaftsurlaub verhindert werden oder wollen wir die Elternzeit einführen?

In der Schweizer Familienpolitik kommt endlich Bewegung auf. Noch im Frühling 2016 hatte das Parlament einen zweiwöchigen Vaterschaftsurlaub abgelehnt. Dreieinhalb Jahre später hat sich dasselbe Parlament für zwei Wochen bezahlten Vaterschaftsurlaub ausgesprochen – im Juni der Ständerat und im September 2019 der Nationalrat. Doch ein Referendum versucht, das zu verhindern.
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Zwei Wochen Vaterschaftsurlaub - die noch nicht definitiv eingeführt wurden - stellen für einige wenige eine "unnötige Belastung" dar, während sie für andere bereits als veraltet gelten. Für letztere sind die zwei Wochen ein erster, wichtiger Schritt zum Zukunftsmodell einer Elternzeit, die dem Kind ermöglicht, zu beiden Elternteilen eine gleichwertige Beziehung aufzubauen, da sie Väter und Mütter tatsächlich gleichstellt.


Sollen Väter weiterhin von Geburt an von ihren Kindern ferngehalten werden, um ihre Arbeitgeber nicht unnötig zu belasten?

Nach Annahme des zweiwöchigen Vaterschaftsurlaubs wurde die Initiative zurückgezogen und vom Bundesrat die Inkraftsetzung des indirekten Gegenentwurfs per 1. Juli 2020 gefordert. Vorerst rechnete man nicht mit einem Referendum. Doch dann bildete sich in Bern doch noch ein überparteiliches Komitee von zwei SVP-Politikerinnen, einem Jungfreisinnigen und einem CVP-Alt-Nationalrat, um die zwei Wochen Vaterschaftsurlaub zu verhindern. Unter dem Namen «Immer mehr Lohnabzüge von allen für Gratisferien von wenigen» macht das Komitee die "unnötige Belastung" von Arbeitgeber und Arbeitnehmer mit jährlichen 230 Millionen Zusatzkosten zum zentralen Anliegen.


Wie bereits bei der Nationalrat-Abstimmung, wo die SVP-Fraktion als einzige den zweiwöchigen Vaterschaftsurlaub ablehnte, wird das Referendum vorwiegend aus SVP-Kreisen unterstützt. Keine andere Partei, weder der Gewerbeverband noch der Arbeitgeberverband haben sich dem Referendumskomitee angeschlossen. Die 100-tägige Frist für die Unterschriftensammlung läuft am 15.01.2020 ab. Sollte das Referendum zustande kommen, hängt es vom Volk ab, was an der Urne entschieden wird. Theoretisch könnten die Initianten der vier Wochen Vaterschaftsurlaub die bedingt zurückgezogene Initiative immer noch zur Abstimmung bringen. Das dürfte aber eher unwahrscheinlich sein, denn der Rückzug der Initiative erfolgte, um den Weg für die Diskussion einer Elternzeit zu öffnen.


Gemeinsam angestrebtes Zukunftsmodell der Elternzeit

Seit dem Frauenstreik im letzten Juni wird von verschiedenen Seiten als Zukunftsmodell eine Eltern­zeit mit Jobgarantie gefordert, um Frauen und Männer beim Geburts­urlaub tatsächlich gleichzustellen. Damit würden bei der Stellensuche Frauen im gebärfähigen Alter nicht mehr diskriminiert sondern den zeugungsfähigen Männern endlich gleichgestellt.


Erste Parlamentsdebatten mit unterschiedlichen Modellen, wie lang die Auszeit für frischgebackene Eltern sein soll und wie diese zwischen Mutter und Vater aufgeteilt werden soll, fanden bereits statt. Daneben sind auch Initiativen vom ehemaligen WeCollect-Politaktivisten Daniel Graf mit seinem neuen Verein Public Beta sowie von der SP bekannt geworden, die sich mit einer breiteren Basis von Befürwortern für eine gemeinsame Lösung der Elternzeit einsetzen wollen.



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Bild 1 Vaterschaftsurlaub in grösseren Unternehmen (Anzahl bezahlter Tage)

Quelle: Travail Suisse, ausgewählte Beispiele


Die Privatwirtschaft und einzelne Kantone haben die Politik bereits links über­holt

Schweizer Unternehmen und einzelne Kanto­ne haben unterdessen schon selbst gehandelt und auf eigene Faust ausgedehntere Vaterschafts­urlaube für ihre Angestellten einge­führt. Per 1. Juli 2019 bietet der Bas­ler Chemiekonzern Novartis allen Mitarbeitenden in der Schweiz nach der Geburt oder Adoption eines Kin­des eine bezahlte Elternauszeit von 18 Wochen. Diese Regelung basiert auf seiner neuen globalen Richtlinie zur Elternauszeit, die seinen Mitar­beitenden auf der ganzen Welt eine bezahlte Absenz von mindestens 14 Wochen garantieren soll. Die Umset­zung dieser globalen Richtlinie er­folgt weltweit in drei Phasen, wobei die vollständige globale Umsetzung bis spätestens 2021 geplant ist.„Wir glauben, dass dieser wichti­ge familienfreundliche Vorteil unse­re Mitarbeitenden dabei unterstützt, die richtigen Entscheidungen für die Gesundheit und das Wohl ihrer Fami­lien zu treffen, indem sie Flexibilität und finanzielle Sicherheit in einer Le­bensphase geniessen können, in der es besonders darauf ankommt“, sagt Steven Baert, Chief People & Orga­nization Officer bei Novartis. Damit verlängerte Novartis den Vaterschaftsurlaub um mehr als das Zehnfache und setzt sich schweizweit an die Spitze aller Unternehmen. Novartis handelt mit der Erhöhung des Vaterschaftsurlaubes schlicht aus eigenem Interesse, sa­gen Experten. Denn ein gutes Ange­bot im Bereich Sozialleistungen ist bei der Rekrutierung von guten Ar­beitskräften heute ausschlaggebend.„Ein langer Vaterschaftsurlaub ge­hört zur Attraktivität eines Arbeitge­bers“, sagt Matthias Mölleney, Leiter des Instituts für Personalführung HWZ, „das ist entscheidend, um Mit­arbeiter zu finden und zu halten.“

Je nach Kanton profitieren auch Beamte

Diese Erkenntnis beginnt sich offensichtlich auch bei den Kanto­nen immer stärker durchzusetzen. Neuenburg hat den Vaterschaftsur­laub seiner Angestellten neu auf vier Wochen erhöht und belegt damit den Spitzenplatz unter allen Kantonen. Bereits 2015 hat die Stadt Neu­enburg den Vaterschaftsurlaub auf vier Wochen erhöht. Unter keinen Umständen möchte der zuständige Stadtrat zum gesetzlichen Minimum zurück. „Es ist unglaublich wichtig, als Va­ter die ersten Momente im Leben sei­nes eigenen Kindes miterleben zu dür­fen“, meint der Neuenburger Stadtrat Fabio Bongiovanni, „deshalb sind 20 Tage Vaterschaftsurlaub für uns gu­tes Standortmarketing“. Mit seinen 20 Tagen liegt die Stadt Neuenburg schweizweit mit sechs anderen Städ­ten auf Platz 2. Spitzenreiter hier ist Lausanne.

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Grafik 2 Vaterschaftsurlaub Kantonsangestellte (Anzahl bezahlter Tage)

Quelle: Travail Suisse, Juni 2018

Ende Oktober 2019 hat das Kantonsparlament Basel-Stadt einen Vorstoss der SP zur Einführung der Elternzeit an die Regierung überwiesen, um als progressiver Kanton hier vorwärts zu machen. Die Motion fordert, im Kanton Basel-Stadt eine bezahlte 38-wöchige Elternzeit nach den Empfehlungen der Eidgenössischen Kommission für Familienfragen einzuführen. Demnach soll zu den bisherigen 14 Wochen Mutterschaftsurlaub der Vater acht Wochen beziehen, und die restlichen 16 Wochen sollen die Eltern frei unter sich aufteilen können. Die Basler Regierung hat nun bis Oktober 2021 Zeit, sich zur Motion zu äussern und gegebenenfalls die Umsetzung zu beantragen. Damit wird die Politik im Bundeshaus aktuell von grossen Unternehmen, Kantonen und Städten links überholt.


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Grafik 3 Vaterschaftsurlaub Stadtangestellte (Anzahl bezahlter Tage)

Quelle: Travail Suisse, Juni 2018


Arbeitgeberverband ist grundsätzlich dagegen

Obwohl dem Schweizerischen Ar­beitgeberverband bereits dieser Vorschlag zu weit geht, hat er sich dem Referendumskomitee nicht angeschlossen. Mit Blick auf die KMU lehnt er dennoch eine staatlich verord­nete Einheitslösung grundsätzlich ab. Dazu Daniella Lützelschwab, die beim Arbeitgeberverband in der Ge­schäftsleitung sitzt: „Wenn ein Un­ternehmen keine Väter beschäftigt, dann bezahlt dieses Unternehmen und auch seine Arbeitnehmer Beiträge für etwas, von dem sie gar nicht profitie­ren.“ In diesem Spannungsfeld for­dern die Arbeitgeber, auf Freiwillig­keit zu setzen. Angesichts des sich verschärfenden Fachkräftemangels sind Schweizer Unternehmen ge­zwungen, ihre Arbeitsbedingungen anzupassen und den Ansprüchen nach modernen Arbeitsformen ge­recht zu werden. Doch dies muss nach den betrieblichen Möglichkei­ten und im Dialog mit dem Arbeit­nehmer geschehen, nicht mit einem staatlichen Korsett.

Diverse Arbeit­geber beweisen, dass die Schweizer Unternehmen ihre Verantwortung wahrnehmen und autonom über die Einführung, Länge und Ausge­staltung eines Vaterschaftsurlaubs entscheiden können. Ob ein Gross­arbeitgeber wie Novartis die hierzu­lande 18 Wochen bezahlte Elternzeit gewährt oder mittelgrosse Betriebe wie das Unispital Genf (zehn Tage), die Städte Bern, Lausanne oder St. Gallen (20 Tage): Die Arbeitgeber werden eigenständig aktiv. Und die KMU ziehen nach ihren Möglichkei­ten mit, ob mit einem Vaterschafts­urlaub oder mit weiteren Zuge­ständnissen an ihre Mitarbeiter wie flexible Arbeitszeiten oder Homeof­fice.

Ein Blick aus entwicklungspsy­chologischer Sicht

Die Vorreiterrolle von Novartis versetzt der Debatte rund um die Elternzeit neue Impulse, die gemäss Remo Largo, berühmtester Schweizer Kinderarzt und Autor von Sachbü­chern zur Erziehung („Babyjahre“), dringend nötig seien. Er rechnet mit der Politik ab und bezeichnet die bisher beschlossenen zwei Wochen als „nicht mal eine Alibiübung“. Wie die OECD wiederholt gerüffelt hat, ist die Schweiz im Bereich Kind und Familie ein Entwicklungsland. Aus entwicklungspsychologischer Sicht soll der Vater mit seinem Kind so viel Zeit verbringen, dass eine tragfähige Vertrauensbindung entsteht. Damit der Vater die Bedürfnisse des Kindes befriedigen kann und sich das Kind bei ihm wohlfühlt, braucht es viel mehr Zeit als nur 14 Tage. Das haben die Menschen in den skandinavi­schen Ländern längst begriffen. Das ist ihnen auch die finanziellen Auf­wendungen wert. Remo Largo beklagt die mangel­hafte Sachkompetenz der Politiker in der Schweiz und plädiert für die Einsetzung von unabhängigen Ex­pertengremien, die nicht interessen­geleitet arbeiten – etwa in Bildungs-, Gesundheits- und Klimapolitik. Ihre Stellungnahmen sollen von den Politikern nicht nur zur Kenntnis genommen werden; solche Gremi­en müssen sich zu Familien- und Kinderthemen öffentlich äussern, denn der öffentliche Diskurs ist für die Glaubwürdigkeit der Politik sehr wichtig.

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